multimediademokratie

multimediademokratie

    öffentlichkeit und netz-öffentlichkeit

Digitale Reputation ist unabdingbar, um in der Netzöffentlichkeit agieren zu können. Sie schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Hat es sich ein Politiker zum Ziel gesetzt starke Präsenz innerhalb der Netzöffentlichkeit zu zeigen, ist der Einsatz von Social Software notwendig. Einerseits sollte der Politiker aktiv innerhalb der Netzöffentlichkeit kommunizieren, andererseits ist er gezwungen genau auf Stimmungen, Tendenzen und Themenkarrieren in seiner virtuellen Umgebung zu achten. Allerdings gilt nach wie vor: Web-Erfolg ist kein Wahlsieg! Die Dean-Kampagne hat gezeigt, dass ein enormer Erfolg im Internet nicht gleichzusetzen ist mit einem Wahlerfolg. Der Vergleich der Blogosphäre als virtuelle Echokammern ohne Bezug zur Außenwelt scheint übertrieben. Vielmehr stellt die Blogosphäre eine Echokammer der Gesellschaft dar. Zugleich muss jedoch gewährleistet sein, dass die Echos auch in der Außenwelt gehört werden. Bildlich gesprochen: Die Außenwelt muss wahrnehmen, was in der Blogosphäre geschieht. Allerdings ist es die Pflicht von Bloggern bzw. bloggenden Politikern, dass die Offline-Bürger in den Kommunikationsprozess eingebunden werden, nicht umgedreht. Nur dann kann ein Web-Erfolg auch in einen Erfolg an den Wahlurnen umgewandelt werden. Die Online-Begeisterung für einen Politiker darf nicht ohne genaue Analyse auf die nicht-virtuelle Öffentlichkeit übertragen werden. Ähnliche Fehler haben Politiker bereits in der Vergangenheit begangen, indem sie von den dargestellten und publizierten Meinungen und Stimmungen innerhalb der Massenmedien (oder auch in Umfrageergebnissen) unkritisch auf das tatsächliche Stimmungsbild in der Bevölkerung geschlossen haben – etwa bezüglich des erwarteten Ausgangs der Bundestagswahl 2005. Und so gilt weiterhin: Netz-Öffentlichkeit und Öffentlichkeit sind different!

    auf dem weg in die multimediademokratie?

Das Internet und damit auch die Online-Kommunikation sind zum festen und integrierten Bestandteil der Medienlandschaft geworden – verbunden mit einer zunehmenden Professionalisierung und „Normalisierung“. Möglicherweise wird am (vorläufigen) Ende dieser Medienevolution die Mediendemokratie von einer neuen Form abgelöst werden: der Multimediademokratie. Bedenken hinsichtlich der Kommunikationsanforderungen in einer Multimediademokratie müssen Politiker allerdings nicht haben. Die neuen Kommunikationsmechanismen werden nicht unmittelbar Realität und sind auch nicht unbedingt mit revolutionären, neuen Aspekten verbunden. Vielmehr werden alte Methoden, Formate und Instrumente adaptiert, ergänzt oder durch neue ersetzt, beispielsweise weicht das klassische Issue Monitoring dem Internet- bzw. Blog-Monitoring. Auch zu einem bedeutenden Machtverlust professioneller Medienschaffender wird es wohl nicht kommen. Viel wahrscheinlicher ist eine Verlagerung der Vierten Gewalt – so könnten beispielsweise die Leitartikel-Schreiber und Kommentatoren der Tageszeitungen langfristig ihre Deutungshoheit an professionelle A-Blogger und Online-Journalisten verlieren. In der zunehmenden Verschiebung der (Netz-)Öffentlichkeit näher in Richtung des politischen und gesellschaftlichen Zentrums, läge wohl die schwerwiegende Veränderung in einer Multimediademokratie.

    der wählerwille

Es bleibt abzuwarten inwieweit es tatsächlich zu einer neuen Form der Wähler-Mobilisierung und der zunehmenden Einbindung des „Durchschnittsbürgers“ in politische Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse kommen wird. Dies wird maßgeblich auch davon abhängen, inwieweit die breite Masse die neuen Möglichkeiten einfordert. Sollte die derzeitige Entwicklung tatsächlich anhalten, liegen darin jedoch nicht nur neue (kommunikative) Herausforderungen an die politischen Akteure, sondern auch Chancen, da sie ihre Machtlegitimation wieder basisdemokratischer erhalten könnten: Durch einen Rückhalt bei den Wählern – der sich nicht nur durch die Stimmabgabe am Wahltag, sondern zunehmend auch in der Zeit dazwischen in neuen Kommunikationsprozesse äußern würde -  könnte ein Politiker auch die Position gegenüber dem politischen Gegner oder Lobbygruppen stärken. Und so würde die politische Online-Kommunikation (aus Sicht des Bürgers) die einzelne Wählerstimme aufwerten und zu neuer Bedeutung verhelfen. Der Wähler wäre in einer Multimediademokratie durch die kommunikativen Möglichkeiten des Internets in der Lage seiner eigenen Stimme wesentlich schneller und eindringlicher „Gehör zu verschaffen“ – und zwar nicht nur durch Meinungsumfragen oder Urnengänge. Im Idealfall würde es gar zu einer Renaissance unseres repräsentativen Demokratiesystems kommen. Plötzlich wäre es nicht länger die Medienelite in ihrer Mittlerrolle, sondern wieder der Wähler selbst, mit dem sich die gewählten Repräsentanten schwerpunktmäßig auseinandersetzen müssten. Darin läge der schwerwiegende Unterschied zwischen Mediendemokratie und Multimediademokratie. Letztlich wäre genau dieser Aspekt die größte kommunikative Herausforderung an die politischen Akteure in einer Multimediademokratie.

Vollständiger Text und Quellenangaben (pdf): auf dem weg in die multimediademokratie

Die komplette Arbeit (pdf): Der Kandidat ist online! - Politische Kommunikation im Internet